Digitale Einblicke in die Ausstellung „Deconstructing a „Place in the sun““ von Ana Paula dos Santos im 1822-Forum

Das 1822-Forum der Stiftung der Frankfurter Sparkasse – eine Galerie für junge Künstler*innen

Digitale Einblicke in die Ausstellung „Deconstructing a „Place in the sun““ von Ana Paula dos Santos im 1822-Forum

Seit 1970 betreibt die Frankfurter Sparkasse das 1822-Forum als nicht-kommerzielle Galerie in der Frankfurter Innenstadt. Noch nicht etablierte Künstler*innen aus Frankfurt und Umgebung haben hier Raum und Gelegenheit, ihre erste eigene Ausstellung zu organisieren und einen Ausstellungskatalog zu konzipieren. Auch in diesem Jahr bietet das 1822-Forum insgesamt sechs jungen Künstler*innen die Möglichkeit, ihre frischen Werke der Öffentlichkeit zu präsentieren. Die erste Künstlerin ist Ana Paula dos Santos.

Die Künstlerin Ana Paula dos Santos

Sie wurde in Brasilien geboren und ist in der Küstenstadt Santos in der Nähe von São Paolo aufgewachsen. Von 2009 bis 2020 absolvierte sie an der Goethe Universität in Frankfurt den Bachelor of Arts in Kulturanthropologie sowie den Master of Arts in Humangeographie.

Ihr Bezug zur Kunst begann mit der Fotografie. Vor ungefähr 10 Jahren hat sie mit der Fotografie begonnen und mit verschiedenen Kameras experimentiert. Dabei hat Frau dos Santos bemerkt, dass die Augen, die Gefühle und die Lebenserfahrung eine bedeutende Rolle spielen, und dass es spannend ist zu sehen, wie diese über die Kamera transportiert werden. In ihrer Liebe zu alten und alternativen Fotoapparaten und ihrer Beschäftigung mit diesen hat Ana Paula dos Santos festgestellt, dass die Analogfotografie andere Gefühle vermitteln kann. Das hat sie zu Gedanken darüber inspiriert, wie die Geschichte der Fotografie ist und wer, wie und wo am Anfang fotografiert und repräsentiert wurde.

In ihrem Studium der Humangeographie und Kulturanthropologie hat sie Nebenfächer verfolgt, die mit Fotografie und visueller Kommunikation zu tun hatten. Dabei wurde ihr Blick für die Themen Gesellschaftswandel, Globalisierung, Antirassismus, Critical Whitness, Intersektionalität und post-und dekoloniale Debatten im Allgemein und in der Kunst geschärft. Ihre Idee war es, diese Thematiken zu Kunst zu bringen und durch einen anderen Blickwinkel zu reflektieren.

Deconstructing a „Place in the sun“ – Idee und Ursprung

Die Künstlerin begann 2015 ihre alte Heimat Santos zu fotografieren. Die daraus entstandenen Fotos begann sie zu analysieren und als Metapher zu begreifen. 2018 hat sie wieder die Region fotografiert, dieses Mal setzte sie einen anderen Fokus auf ihre Motivwahl: Sie wollte einen anderen Aspekt der Region zeigen, jenseits einer eurozentristischen Vorstellung des sogenannten tropischen Orts. Die Fotos der Ausstellung entstanden mit unterschiedlichen analogen Kameras, die einen Effekt von alter Fotografie geben. Durch die körnige Textur des Filmes wird die Atmosphäre des Bildes beeinflusst und eine anachronistische / zeitlose Atmosphäre erschaffen. Das kooperierte mit der Idee der Dekonstruktion. Die Idee für die Ausstellung war eine Reflexion dessen darzustellen, wie die Kolonialherren und –damen sich einen Ort an der Sonne erdacht haben. Den Begriff „Platz an der Sonne“ benutzt Frau dos Santos metaphorisch, denn sie verwendet ihn in Bezug auf den kolonialen Gedanken, „einen Platz an der Sonne“ für sich zu beanspruchen und kolonialisieren zu wollen. Viele Bewohner*innen von Ländern, deren Vorfahren kolonialisiert wurden, brachte man von einem Platz an der Sonne an einen anderen Platz an der Sonne, der für viele vielleicht gar nicht mehr so sonnig war.

In dieser Ausstellung zeigt sie unter anderem Fotografien des Strandes von Santos. Der Strand im Allgemeinen als Platz an der Sonne, der uns wie kein anderer täglich in knalligen Farben präsentiert wird, ist bei dos Santos ein metaphorischer Ort, an dem sie, ja, die Sonne genießen konnte und Erholung finden, aber auch ein Ort, an dem die Narben der Verletzungen durch die kolonialen Verbrechen für sie deutlich sichtbar werden. Für Frau dos Santos kann der Strand nicht präsentiert werden, ohne auf die Reflektionen dieser dunklen Seite der Geschichte, die atmosphärisch spürbar sind, hinzuweisen und ihnen Raum und Ausdruck zu geben.

Sie bezeichnet dies als „historische Störung“. Dies ist auch der Name der Installation im Zentrum der Ausstellung. Sie zeigt ein Strandszenario, was zum Erholen einladen könnte, aber der Ort zeigt sich in einer anderen Gestalt als der erwarteten Imagination eines tropischen Platzes an der Sonne. Die Fotografien um die Installation herum zeigen ähnliche Spuren der Dekonstruktion. Die Serie „Send me a postcard“ zeigt Strandbilder wie Ansichtskarten, auf die gezeichnet, gekratzt und geschmiert wurde. Die Bilder, die auf Holz gedruckt wurden, zeigen das Portrait eines Kokosbaums. Die Struktur des Holzes tritt aber in den Vordergrund und lässt den Baum verblassen, der dadurch den Blick auf die tiefer liegenden Strukturen freigibt. So wie ein kritischer Blick auf die Geschichte, den Blick auf Kolonialität freigeben kann. Ihre Darstellungsweise ist demnach als dekoloniale Aktion zu verstehen.

Der Kurator der Ausstellung, Max, Pauer, über die Künstlerin und ihre Ausstellung: „Ana Paula dos Santos ist es gelungen, das bis heute hochbrisante Thema der kolonialen Eroberung und Unterdrückung in starke, die gängigen Klischees souverän unterlaufende Bilder zu transferieren.“

Digitaler Rundgang durch die Ausstellung

Die Ausstellung von Ana Paula dos Santos ist derzeit im 1822-Forum aufgebaut, welches jedoch aufgrund der Corona-Beschränkungen bis auf Weiteres geschlossen ist. Aus diesem Grund hat die Künstlerin eine digitale Führung durch die Ausstellung erstellt, die Sie unter https://www.youtube.com/watch?v=4yA16WXUJaU sehen können. Hier ist außerdem der Katalog der Ausstellung digital verfügbar.

Wir wünschen Ihnen viel Freude bei der Erkundung der Ausstellung „Deconstructing a place in the sun“.

Fotos und Video von @teselkinart

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